Kategorie: Betriebsrat

  • LaSuite: Frankreichs unabhängige Alternative zu Microsoft 365

    LaSuite: Frankreichs unabhängige Alternative zu Microsoft 365

    Frankreich ersetzt Teams und Zoom bis 2027 mit LaSuite durch eigene Lösungen – und zeigt Europa, wie digitale Souveränität im öffentlichen Sektor funktionieren kann. Am 27. Januar 2026 verkündete die französische Regierung offiziell den Ausstieg aus US-amerikanischen Videokonferenzlösungen. Mit „LaSuite Numérique“ hat die DINUM (Direction Interministérielle du Numérique) eine vollständig souveräne Alternative geschaffen, die bereits 500.000 Beschäftigte monatlich nutzen. Für deutsche Behörden und Unternehmen bietet dies wertvolle Erkenntnisse – und konkrete Kooperationsmöglichkeiten.

    Was ist LaSuite und wer steht dahinter?

    LaSuite Numérique ist Frankreichs souveräne Digital-Workplace-Plattform für den öffentlichen Dienst. Die DINUM – direkt dem Premierminister unterstellt – entwickelt und betreibt die Suite als Open-Source-Lösung unter MIT-Lizenz. Das Ziel: Eine gleichwertige Alternative zu Microsoft 365 und Google Workspace, bei der alle Daten ausschließlich in Frankreich auf SecNumCloud-zertifizierter Infrastruktur gespeichert werden.

    Die Suite umfasst sieben Kernkomponenten: Tchap für verschlüsseltes Messaging (600.000 Nutzer, basierend auf dem Matrix-Protokoll), Visio für Videokonferenzen, Docs für kollaboratives Schreiben, Fichiers als Cloud-Speicher, Grist als No-Code-Datenbank, France Transfert für große Dateien und einen KI-Assistenten auf Basis von Mistral AI. Seit Juli 2025 ist Tchap für alle Ministerien verpflichtend – ein deutliches Signal der strategischen Priorisierung.

    LaSuite Visio

    LaSuite Visio im Detail: Videokonferenzen ohne Kompromisse

    Die Videokonferenzlösung Visio bildet das Herzstück der aktuellen Offensive. Anders als oft angenommen basiert sie nicht auf Jitsi, sondern auf LiveKit – einer modernen WebRTC-Plattform mit starker Skalierbarkeit. Technisch unterstützt Visio bis zu 150 Teilnehmer, HD-Video, Bildschirmfreigabe, Chat und Aufzeichnung. Besonders hervorzuheben: Die KI-gestützte automatische Transkription mit Sprechererkennung (entwickelt vom französischen Startup Pyannote) und ab Sommer 2026 Echtzeit-Untertitel durch das KI-Labor Kyutai.

    Das Hosting erfolgt auf Infrastruktur von 3DS Outscale (Dassault Systèmes-Tochter) mit SecNumCloud-Zertifizierung – dem höchsten französischen Cloud-Sicherheitsstandard. Externe Teilnehmer können über einen Link beitreten, ohne Konto oder Installation. Aktuell nutzen 40.000-50.000 Beschäftigte Visio regelmäßig; bis Ende Q1 2026 sollen es 200.000 sein.

    Parallel existiert „Webinaire de l’État“ auf BigBlueButton-Basis für größere Veranstaltungen mit bis zu 350 Teilnehmern, Breakout-Rooms und Whiteboards – Funktionen, die Visio derzeit noch entwickelt.

    Warum Frankreich Microsoft den Rücken kehrt

    Der Hintergrund des Ausstiegs ist nicht nur technischer, sondern rechtlicher Natur. Im Juni 2025 sagte der Rechtsdirektor von Microsoft Frankreich vor dem französischen Senat unter Eid aus, er könne nicht garantieren, dass französische Bürgerdaten niemals ohne französische Genehmigung an US-Behörden übermittelt würden. Der US CLOUD Act verpflichtet amerikanische Unternehmen zur Datenherausgabe – unabhängig vom physischen Speicherort.

    Diese Aussage bestätigt, was Datenschützer seit Schrems II (2020) betonen: US-Cloud-Dienste können strukturell keine vollständige DSGVO-Konformität gewährleisten. Das EU-US Data Privacy Framework bietet zwar derzeit eine Rechtsgrundlage, basiert aber auf einer US-Exekutivanordnung, die jederzeit widerrufen werden kann.

    LaSuite eliminiert dieses Risiko vollständig: Alle Daten unterliegen ausschließlich französischem und EU-Recht. Die geschätzten Einsparungen: 1 Million Euro jährlich pro 100.000 Nutzer durch wegfallende Lizenzkosten.


    Einschub für Datenschutzbeauftragte und ISBs

    Compliance-Vorteile von LaSuite:

    • SecNumCloud-Zertifizierung mit über 350 technischen und rechtlichen Anforderungen
    • Immunität gegen US CLOUD Act, FISA 702 und andere extraterritoriale Gesetze
    • Keine Drittlandübermittlung – vollständige DSGVO-Konformität by Design
    • Transparente Open-Source-Codebasis (MIT-Lizenz)

    Schrems II-Relevanz: Während US-Dienste auf das fragile EU-US Data Privacy Framework angewiesen sind (Schrems III-Klage angekündigt), ist LaSuite von dieser Problematik vollständig entkoppelt.

    Einschränkungen: Noch keine HDS-Zertifizierung für Gesundheitsdaten; nicht für VS-NfD klassifizierte Inhalte freigegeben.


    Was bedeutet der Ansatz von LaSuite für Deutschland?

    Deutschland verfolgt mit openDesk einen parallelen Ansatz. Das Zentrum für Digitale Souveränität (ZenDiS) hat mit €45 Millionen Budget eine Suite entwickelt, die Nextcloud, Collabora, Open-Xchange, Element, Jitsi und OpenProject integriert. Stand September 2025 sind bereits 80.000 Arbeitsplätze migriert – darunter 60.000 Lehrkräfte in Baden-Württemberg und die Bundeswehr (7-Jahres-Vertrag mit BWI).

    Entscheidend: Deutschland und Frankreich kooperieren seit Februar 2024 in einem trilateralen Abkommen (mit den Niederlanden seit Dezember 2024). In gemeinsamen „100-Tage-Challenges“ entwickeln DINUM und ZenDiS Features wie die Docs/Notes-Komponente. Schleswig-Holstein hat bereits 40.000 E-Mail-Konten von Microsoft Exchange auf Open-Xchange migriert.

    Für deutsche Behörden ergeben sich zwei Optionen: Der Einsatz von openDesk mit seiner Nextcloud-Basis – oder perspektivisch die Nutzung interoperabler Module aus LaSuite. Die europäische Dimension wurde beim ersten EU-Gipfel zur Digitalen Souveränität im November 2025 in Berlin unterstrichen, bei dem ein EDIC (European Digital Infrastructure Consortium) für digitale Commons angekündigt wurde.

    Relevanz des LaSuite Ansatzes für Privatunternehmen

    Auch außerhalb des öffentlichen Sektors wächst das Interesse an souveränen Lösungen. 61% der westeuropäischen CIOs planen laut Gartner, Workloads zu lokalen Anbietern zu verlagern. Nextcloud (deutsches Unternehmen, mitarbeitereigen) verzeichnet eine Verdreifachung der Nachfrage und investiert mit „Sovereignty 2030″ €250 Millionen.

    Praktische Alternativen für Unternehmen umfassen:

    Sie nutzen Microsoft 365? Dann schauen Sie sich auch unsere M365 Compliance Radar & Auditor für Datenschutz, Betriebsrat an und erhalten Sie regelmäßige Updates zu allen relevanten Aktivitäten für Datenschützer, Betriebsräte und Informationssicherheitsbeauftragten.

    Fazit: Das LaSuite-Modell, ein Vorbild für Europa

    Frankreichs LaSuite demonstriert, dass digitale Souveränität kein Kompromiss sein muss. Mit 500.000 aktiven Nutzern, KI-gestützten Features und vollständiger rechtlicher Unabhängigkeit bietet die Suite eine ernstzunehmende Alternative zu US-Anbietern. Die deutsch-französische Kooperation schafft dabei Synergien, die einzelne Länder allein nicht erreichen könnten.

    Für Entscheider im öffentlichen Sektor ist die Botschaft klar: Die technischen und organisatorischen Voraussetzungen für den Umstieg sind geschaffen. Die Frage ist nicht mehr ob, sondern wann und wie schnell die Migration erfolgt. Frankreich hat mit dem 2027-Ziel den Takt vorgegeben – Deutschland sollte nicht zu lange warten, diesen aufzunehmen.

  • Microsoft 365 ist kein Tool – es ist Mitbestimmung auf Dauerbetrieb

    Microsoft 365 ist kein Tool – es ist Mitbestimmung auf Dauerbetrieb

    Viele Unternehmen behandeln Microsoft 365 wie eine klassische Software:
    Einführen, freigeben, Betriebsvereinbarung abschließen – fertig.

    Das Problem:

    Microsoft 365 ist kein statisches Tool. Es ist eine sich permanent verändernde Arbeitsumgebung. Und genau das stellt die Mitbestimmung vor neue Herausforderungen.

    Der Denkfehler: Einführung = erledigt

    In klassischen IT-Projekten funktioniert Mitbestimmung oft projektbezogen.
    Bei Microsoft 365 greift dieses Modell nicht mehr.

    • Funktionen ändern sich monatlich
    • Voreinstellungen werden angepasst
    • neue Dienste entstehen, alte verschwinden
    • Arbeitsweisen verändern sich – oft schleichend

    Ohne neues Projekt. Ohne formale Einführung. Ohne erneute Abstimmung.

    Wer Mitbestimmung ernst nimmt, muss akzeptieren:

    Mitbestimmung endet nicht mit dem Go-Live.

    Was Mitbestimmung bei Microsoft 365 wirklich bedeutet

    Mitbestimmung bei Microsoft 365 ist kein juristischer Sonderfall – sondern eine organisatorische Daueraufgabe.

    Konkret heißt das:

    • Nicht jede Änderung ist mitbestimmungspflichtig
    • aber relevante Änderungen müssen erkannt und eingeordnet werden
    • insbesondere dort, wo Verhalten, Leistung oder Daten der Mitarbeitenden betroffen sind

    Kritische Beispiele sind u. a.:

    • neue Teams-Funktionen
    • KI-gestützte Features
    • Auswertungen und Nutzungsanalysen
    • Automatisierungen und neue Standardkonfigurationen

    Die zentrale Frage lautet nicht: „Ist Microsoft 365 mitbestimmungspflichtig?“
    Sondern: „Welche Änderung hat welche Auswirkungen – und für wen?“

    Das eigentliche Problem: Niemand hat den Gesamtüberblick

    In der Praxis erleben wir immer wieder dasselbe Muster – wenn überhaupt alle Parteien beteiligt werden:

    • IT bewertet technisch
    • Datenschutz bewertet rechtlich
    • der Betriebsrat bewertet arbeitsrechtlich

    Alle für sich korrekt – aber ohne gemeinsamen Blick.

    Das führt zu:

    • verspäteter Einbindung des Betriebsrats
    • unnötigen Eskalationen
    • pauschalen Verboten oder Blockaden
    • Unsicherheit bei Management und IT

    Nicht aus bösem Willen – sondern aus fehlender Transparenz.

    Warum klassische Lösungen nicht mehr reichen

    Viele Organisationen verlassen sich auf:

    • einmalige Bewertungen
    • alte Betriebsvereinbarungen
    • manuelle Sichtung von Microsoft-Ankündigungen

    Das funktioniert nicht mehr.

    Microsoft 365 entwickelt sich schneller, als klassische Gremien- und Projektlogiken es abbilden können.
    Mitbestimmung wird dadurch nicht überflüssig – sondern anspruchsvoller.

    Ein pragmatischer Weg nach vorne

    Mitbestimmung bei Microsoft 365 braucht vor allem eines: Struktur.

    • frühzeitig erkennen, was sich ändert
    • einordnen, ob Mitbestimmung betroffen ist
    • bewerten, wie sich Änderungen konkret im Tenant auswirken
    • Entscheidungen faktenbasiert treffen – nicht aus dem Bauch heraus

    Nicht als Einzelaktion. Sondern kontinuierlich.

    Fazit

    Microsoft 365 ist kein IT-Projekt. Es ist ein dauerhaftes Veränderungssystem.

    Wer Mitbestimmung hier auf ein einmaliges Dokument reduziert, verliert früher oder später die Kontrolle.
    Wer Transparenz, Regelmäßigkeit und klare Einordnung schafft, macht Mitbestimmung wieder handlungsfähig.


    Wir unterstützen Ihre Organisation genau dabei:
    Microsoft-365-Änderungen verständlich einordnen – für Betriebsrat, Datenschutz, IT und Management.